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FOOD FOR THOUGHTS
 
Was man beim Thema Wachstum alles bedenken sollte
 

NACHGEDACHT

Vortrag von Prof. DDDr. Clemens Sedmak
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"Wenn das Wachstum nicht mehr im gewünschten Ausmaß stattfindet, was wächst dann?" Diese Frage stellt DDDr. Clemens Sedmak gleich zu Beginn seines 30-minütigen Vortrages bei den Vienna Strategy Days am 6. Mai 2014. Denn der Philosoph, Theologe und Armutsforscher ist davon überzeugt: "Immer dann, wenn etwas schrumpft, wächst dafür etwas anderes!" Was wächst also, wenn das Wachstum schrumpft? Anhand verschiedener, gezielter Fragestellungen durchleuchtet er das Thema "Wachstum" und beantwortet seine gestellten Fragen sogleich mit zahlreichen Analogien, Zitaten und Geschichten. Das Publikum ist also gefordert, selbst mitzudenken. Für alle, die gerne darüber hinausgehend nachdenken wollen, lässt er – so ganz nebenbei – zahlreiche Büchertipps fallen.
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Was ist Wachstum?

Wenn etwas MEHR wird, messbar und sichtbar ist, findet automatisch sowohl eine Projektion in die Zukunft  als auch ein Prozess des Vergleichens statt. Und das führt wiederum zu Druck und Wettbewerb. Das dürfte wohl nichts Neues sein. Was Wachstum aber ZUDEM sein kann, verdeutlicht Clemes Sedmak, indem er Janusz Korczak und Ludwig von Mises "zu Wort kommen" lässt.

JANUSZ KORCZAK (1878-1942)  war ein polnischer Arzt, Kinderbuchautor und bedeutender Pädagoge. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Einsatz für Kinder. So begleitete er die Kinder seines Waisenhauses beim Abtransport in ein Vernichtungslager, obwohl das auch für ihn selbst den Tod bedeutete. Und Janusz Korczak sah Wachstum natürlich etwas differenzierter. So ...

  • bezeichnete er Wachstum als "mühselige Arbeit", die ständig eine Neuorientierung erfordert.
  • stellte er die Frage: Ist das Größere besser als das Kleinere?
  • betonte er, dass jeder ein Recht auf das Hier und Jetzt hat.

Nun bezieht sich Korczak bei seinen Aussagen und Fragen natürlich vornehmlich auf Kinder. Doch auch für Unternehmen haben diese sehr wohl ihre Richtigkeit, wie wir in weiterer Folge von Clemens Sedmak hören.

Wachstum ist mühselige Arbeit und bedeutet eine ständige Neuorientierung
Sedmak betont in oa. Zusammenhang, dass gerade die Pubertät tatsächlich von allen Beteiligten als MÜHSELIG empfunden wird. Mit jedem Wachstumsschub müssen sich sowohl die Kinder als auch deren Eltern bzw. das gesamte Umfeld NEU ORIENTIEREN. Und das ist harte Arbeit. Jeder, der pubertierende Kinder hat, weiß das. Bei Unternehmen sei das nicht viel anders.

Ist das Größere besser als das Kleinere?
Sind größere Kinder besser als kleinere? Was bei Menschen ganz leicht beantwortbar ist, könnte vielleicht auch bei Unternehmen eine berechtigte Fragestellung sein und bedarf sicherlich keiner weiteren Erläuterung. Somit kommen wir zur dritten und letzten Aussage von Janusz Korczak.

Jeder hat ein Recht auf das Hier und Jetzt!
Ein Kind, das mit der Frage konfrontiert wird, was es denn einmal WERDEN wolle, wenn es GROSS sei, wird automatisch das Gefühl haben, im JETZT ein "NICHTS" zu sein. Dabei hat aber jeder Mensch ein Recht auf das Hier und Jetzt. Auch Senioren werden häufig nur auf ihre Vergangenheit reduziert – auf das, was sie einmal WAREN. Und Unternehmen? Haben auch diese ein Recht auf das Hier und Jetzt? Und dann wechselt Clemens Sedmak auch schon wieder das Thema.

Was, wenn nur noch die Bürokratie wächst?
LUDWIG VON MISES – ein österreichisch-US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler, Theoretiker des Libertarismus und einer der wichtigsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie im 20. Jahrhundert – beschäftigte sich  u.a. auch mit BÜROKRATIEN. Er stellte sich die Frage, wie Bürokratien funktionieren und war der Meinung, dass sie vor allem  WUCHERN. Zudem scheinen Bürokratien keinen ENDPUNKT zu haben, aufgrund der Tatsache, dass sie ein WACHSTUM DES MISSTRAUENS fördern und eine RECHENSCHAFTS-KULTUR hervorbringen: Monitoring, Controlling, Dokumentation des Monitoring, Monitoring der Dokumentation ... Schlussendlich führe das alles zu keiner Qualitätssteigerung, sondern vielmehr zu einer QUALITÄTSABSENKUNG. Wie ist das im eigenen Unternehmen? Diese Frage bleibt wohl für jeden spürbar im Raum hängen, bevor Clemens Sedmak die nächste Frage aufwirft:

Was kostet Wachstum?

Hier nimmt Clemens Sedmak eine "Dreiteilung" vor:

  • Wachstum auf Kosten der ÖKOLOGIE
  • Wachstum auf Kosten der FREIHEIT
  • Wachstum auf Kosten ERSCHÖPFENDER Ressourcen

Wachstum auf Kosten der ÖKOLOGIE
Studien zeigen – so Sedmak –, dass MEHRARBEITER die Umwelt auch mehr belasten. "Eine 40h- oder gar 60h-Arbeitswoche belastet also die Umwelt mehr als eine 35h-Arbeitswoche."  Warum? Weil man sich als gestresster, vielbeschäftigter Mensch häufig weniger Gedanken machen kann, wie man z. B. am NACHHALTIGSTEN von einem Ort zum anderen kommt. Es geht darum, wie man am SCHNELLSTEN von A nach B gelangt. Oft steigt mit zunehmender Mehrarbeit auch die eigene Unzufriedenheit und als Führungskraft überträgt man diese dann in weiterer Folge auf die Mitarbeiter.

Wachstum auf Kosten der FREIHEIT
Auf den Punkt gebracht kann man Clemens Sedmaks Aussagen wie folgt zusammenfassen: Unser Wachstum folgt einer Eigendynamik, die eine Gesetzmäßigkeit zur Folge hat, die immer mehr zu fremdgesteuertem Handeln führt. Man ist also verstärkt "freiheitsraubenden" Rahmenbedingungen unterworfen.

Wachstum auf Kosten ERSCHÖPFENDER Ressourcen
Der psychologische Druck bei Mitarbeitern steigt. Hier bezieht sich Sedmak auf den französischen Philosophen ALAIN EHRENBERG: "Ehrenberg hat ein Buch mit dem Titel 'Das erschöpfte Selbst' geschrieben. Darin macht er sich Gedanken darüber, warum psychische Erkrankungen und Depressionen in der Gesellschaft derart zunehmen. Im Buch gibt er dazu folgenden Antwortversuch: Immer mehr Menschen befinden sich in einer Rolle, die sie nicht ausfüllen können. Man muss vorgeben, jemand anders zu sein, und das ist auf Dauer anstrengend. Das heißt, eines Tages ist man erschöpft." 

Clemens Sedmak hingegen scheint noch keineswegs erschöpft zu sein und widmet sich sogleich der nächsten Frage:

Was wächst denn, wenn etwas anderes schrumpft?

"Wenn Wachstum nicht mehr im gewünschten Ausmaß stattfindet, was wächst dann? Denn immer dann, wenn etwas schrumpft, wächst dafür etwas anderes", so Clemens Sedmak, frei nach dem Motto: Irgendetwas wächst immer. In diesem Zusammenhang spricht er

  • von Ressourcen 1. Ordnung, z. B. Materialien, Rohstoffe ... und
  • von Ressourcen 2. Ordnung, z. B. Zusammenhalt im Unternehmen, Bindung, Sinnorientierung, Aufmerksamkeit, Wachsamkeit, Innere Haltung

Ressourcen 2. Ordnung können sich insbesondere dann entwickeln, wenn Ressourcen 1. Ordnung nicht ausreichend vorhanden sind
Auch hier wartet der Philosoph mit einer Geschichte auf: Eine Frau, die eine äußerst begabte Mathematikerin war (aber immer im Schatten ihres Bruders stand, der ein Genie war), konnte trotzdem an sich "wachsen": In ihrem Bestreben, mit dem Bruder mithalten zu können, entwickelte diese Frau enorme Qualitäten, wie etwa Wachsamkeit, Konzentration und Ausdauer. Diese Geschichte verdeutlicht, dass sich in Zeiten der Anstrengung Ressourcen 2. Ordnung verstärkt entfalten können. Auch wenn man nicht als Nummer 1 aus dem Wettbewerb hervorgeht, kann man also IMMER etwas dazugewinnen.

Einen weiteren interessanten Aspekt bringt Clemens Sedmak mit seinem nächsten Punkt ein:

Vertrauen ist das Wichtigste!
Das betonte auch NIKLAS LUHMANN. Das Wort "Vertrauen" stammt – so Sedmak – von familiaritas: familiär, vertraut. Unternehmen müssten demnach in Zeiten des stagnierenden Wachstums umso mehr dafür Sorge tragen, dass das Vertrauen wächst. Hier führt er folgendes Beispiel an: "Wenn Banken in florierenden Zeiten neue Gebäude errichten, sind diese für die Kunden nicht auf Anhieb 'wiedererkennbar' und somit auch nicht vertraut. Diese Vertrautheit bzw. das damit verbundene Vertrauen muss also erst wieder wachsen. Bedeutet das dann im Umkehrschluss, dass Vertrauen gestärkt werden kann, wenn man in wirtschaftlich instabilen Zeiten nichts "Neues" hervorbringen KANN? Und führt dieses Vertrauen womöglich dann wiederum zur Stärkung der Ressourcen 1. Ordnung? Ein Nachdenken über diesen Aspekt kann sicherlich nicht schaden.

Am Ende geht Clemens Sedmak noch kurz folgenden Fragen nach:

Wann ist genug? Gibt es Lernorte und vor allem: Gibt es Alternativen?

Laut Sedmak müsse jeder selbst rechtzeitig (!) definieren, wie viel genug ist. Denn wir haben offensichtlich kein Gefühl für einen Sättigungspunkt, vor allem dann nicht, wenn wir uns in einer "Wachstumsphase" befinden. Bei GRUNDBEDÜRFNISSEN (z. B. beim Essen) ist dieses Gefühl bei den meisten Menschen zwar noch vorhanden, nicht aber bei WÜNSCHEN und ZIELEN.

Und dann erhalten wir noch ein paar Zutaten von Clemens Sedmak:

Zutaten für ein gutes Leben:

  • Gesundheit
  • Sicherheit
  • Respekt
  • Persönlichkeit
  • Harmonie
  • Muße (!)

Vor allem für die "Muße" haben wir aber immer weniger Zeit! Und weil seine Redezeit auch bald vorbei sein wird, erhalten wir von Prof. Sedmak noch einen weiteren Tipp zum Nachlesen: "Wie viel ist genug?". Geschrieben wurde dieses Buch vom Wirtschaftshistoriker ROBERT SKIDELSKY und seinem Sohn, dem Philosophen EDWARD SKIDELSKY. Eine sicherlich spannende Kombination!

Orte des Lernens: Themen müssen "angetastet" werden
Im Zusammenhang mit "Lernorten" betont Sedmak: "In einer Postwachstumsökonomie geht es auch darum, dass man Themen 'antastet'. Erst in der Auseinandersetzung mit Herausforderungen bzw. in Zeiten der Krisen lernt man und es entstehen eben jene Ressourcen 2. Ordnung, die wiederum zu einer Stabilisierung führen können." Ganz allgemein sei es aber wichtig, zwischen Stabilisierung (!) und Stagnation zu unterscheiden.

Einen Satz möchte er uns dann noch mit auf den Weg geben: "Das Beste – oder die Jagd nach ihm – ist der schlimmste Feind des Guten." Diesen Satz habe er von Thomas Sedláček geklaut. Will heißen:

Profitorientierung: JA – Profitmaximierung: NEIN!
Das Ziel muss lauten: Vom WAS zum WIE – Vom WAS zum WARUM – Vom WAS zum WER. Es gehe um nichts anderes als um eine verstärkte Sinnorientierung!

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Und dann ist seine Vortragszeit auch leider schon wieder vorbei und wir lassen das Gehörte kurz auf uns wirken – bis der nächste Redner unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.  Aber vielleicht hat ja der eine oder andere Zeit und Muße, sich mit Clemens Sedmaks so beiläufig erwähnten Büchern und Autoren näher zu beschäftigen (siehe "Büchertipps – rechte Spalte)?
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CLEMENS SEDMAK
war am 6. Mai bei den Vienna Strategy Days
.
Der dreifache Doktor ist Philosophieprofessor am King's College London, Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg und Präsident des internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen.

Foto: Clemens Sedmak, der bei den Vienna Strategy Days laut über Wachstum nachdachte 

"Wenn Eltern ein kleinwüchsiges Kind auf die Welt bringen, geht es nicht darum, der Tatsache nachzutrauern, dass KEIN Wachstum oder nur ein SEHR GERINGES Wachstum stattfindet. Es geht auch nicht darum, davon zu träumen, dass das Kind eines Tages schon noch wachsen wird. Vielmehr geht es darum, dem Kind einen UMGANG mit seiner Kleinwüchsigkeit zu ermöglichen."

CLEMENS SEDMAK

 

Büchertipps aus dem Vortrag von Clemens Sedmak

Ehrenberg, Alain:
Das erschöpfte Selbst
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2004.

Ehrenberg, Alain:
Das Unbehagen in der Gesellschaft
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011.

Korczak, Janusz (und andere):
Das Recht des Kindes auf Achtung
Gütersloher Verlagshaus, Taschenbuch, 2007.

Korczak, Janusz (und andere):
Wie man ein Kind lieben soll
Gütersloher Verlagshaus, Taschenbuch, 23. Mai 2012.

Sedláček, Tomáš:
Die Ökonomie von Gut und Böse. Hanser, München 2012.

Skidelsky, Robert, Skidelsky, Edward
Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens
Kunstmann, 2013.

 

Wichtiger Hinweis

In der Ausgabe 4 unserer IMP-Perspectives führten wir ein ausführliches Interview mit Clemens Sedmak im Zusammenhang mit Führung: MACHT.FÜHRUNG.SINN?

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