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VIELE MANAGER SIND ABGEHOBEN
 
Der frühere Dax-Vorstand Thomas Sattelberger geht hart ins Gericht mit Deutschlands Wirtschaftselite
 

Von Steffen Range, Schwäbisch Media

ESSLINGEN Thomas Sattelberger hadert mit der deutschen Führungselite. Viele Manager seien abgehoben, wirklichkeitsfremd, lebensfern und folgten einem zweifelhaften Regelwerk. Sattelberger muss es wissen, einst war er einer von ihnen. Er machte Karriere bei Daimler, der Lufthansa, dem Reifenhersteller Conti und der Deutschen Telekom.

In einem sehr persönlich gehaltenen Vortrag sprach der 64-Jährige beim Symposium „Leadership-Logiken der Zukunft“ von den Schattenseiten der Macht. Er berichtete von eigenen Fehleinschätzungen, Zweifeln und Kehrtwenden. Sein Credo: „Ein Unternehmen kann man nicht mit Unwahrheiten und gegen die Mitarbeiter führen.“

Grenzbetrachtungen in der Führungsarbeit was tun, wenn Routinen versagen, das ist Sattelbergers Thema. Er vertritt die Ansicht, dass Führungskräfte sich in entscheidenden Momenten nicht auf althergebrachte Vorgehensweisen verlassen dürfen.

Schrempp tobte
Das hat er selbst schmerzlich erfahren. Etwa bei Daimler-Benz. Als aufstrebender Manager lernt er dort Jürgen Schrempp kennen, den späteren Konzernchef, Initiator der Welt-AG, Begründer der aberwitzigen Verbindung mit Chrysler. Schon damals, bei Daimlers Luftfahrttochter Dasa, verfolgt der ebenso ehrgeizige wie charismatische Schrempp einen aggressiven Wachstumskurs. Sattelberger schwant nichts Gutes, doch er schweigt. Er will seine Karriere nicht gefährden. Schrempp vergrößert das Unternehmen in atemberaubenden Tempo, kauft Sanierungsfälle wie den niederländischen Flugzeugbauer Fokker hinzu. Ob das Firmenkonstrukt wirklich trägt, gerät aus dem Blick. Tatsächlich will sich der ehrgeizige Schrempp vor allem als Nachfolger Edzard Reuters positionieren. Irgendwann erkennt Sattelberger, dass Schrempp am Gedeihen der Dasa mindestens ebenso interessiert ist wie an seiner persönlichen Karriere. „Nicht wenige Manager schneiden die Unternehmensstruktur auf sich zu“, sagt Sattelberger. Nach langem Ringen quittiert er den Dienst, erinnert sich Sattelberger. Als Schrempp davon erfährt, tobt er. Minutenlang brüllt er nach Darstellung Sattelbergers ins Telefon, dann bietet er Vergünstigungen. Doch der junge Manager bleibt hart und geht schweren Herzens.

Abschied von Floskeln
Seine nächste Station ist die Lufthansa. Hier erlebt er die Anschläge des 11. September 2001. Nach dem Angriff der Terroristen auf Amerika bricht weltweit das Reisegeschäft zusammen. Airlines streichen Strecken und motten tausende nicht mehr benötigte Flieger in der Wüste ein. Keiner weiß, wie es weitergeht, auch Sattelberger ist ratlos. Zunächst liebäugelt er mit dem Gedanken, das kriselnde Unternehmen zu verlassen. „Damals dachte auch ich: Du kannst Dich ja vom Acker machen, auf jeden Fall landest Du mit Deinen Talenten sanft.“ Doch fasst er sich ein Herz und beschließt zu bleiben. Sattelberger ist jetzt entschlossen, offen und ehrlich vor die verstörten Mitarbeiter zu treten, sich von Floskeln und Managementhandbüchern zu lösen, seine Unsicherheit und Ratlosigkeit einzugestehen. Er verspricht, die schwere Zeit mit ihnen gemeinsam durchzustehen, die Lufthansa nicht wie andere Spitzenleute zu verlassen. Sattelberger hält Wort, das Unternehmen meistert die existenzbedrohende Krise. Zu Conti wechselt er 2003 nachdem die Krise überstanden ist.

In seine Zeit bei dem Reifenhersteller in Hannover fällt eine folgenschwere Entscheidung. Der Konzern beschließt, die teure Fertigung bei Hannover im Werk Stöcken aufzugeben und nach Osteuropa zu verlagern. Ein bitterer Entschluss, schließlich ist das Traditionswerk eine Keimzelle des Unternehmens. Die Manager arbeiten mit Zahlen und tatsächlich spricht in der kühlen industriellen Logik nichts für Hannover. Konzernchef Manfred Wennemer, ein sachlicher, aber harter Mann, blendet aus, wie bitter seine Entscheidung für die Arbeiter in Stöcken ist. Wie viele Spitzenkräfte ist Wennemer von allen möglichen Typen umgeben: Einflüsterern, Hofschranzen, Wichtigtuern. Nur ehrliche Ratgeber sind selten. Sattelberger ringt lange mit sich, bevor er sich entschließt: Ich muss dem Chef offen und ehrlich sagen, was diese Entscheidung anrichtet. „Wir wurden moralisch gefragt und haben ökonomisch geantwortet. Moralische Verantwortung lässt sich nicht ökonomisch wegdiskutieren.“ Am Schluss gelingt es, einen großzügigen Sozialplan für die Arbeiter auszuhandeln.

Spott und Häme
Seine letzte Station in einem Dax-Konzern ist die Deutsche Telekom. Gemeinsam mit seinem Vorstandsvorsitzenden René Obermann setzt er die Frauenquote durch - zu einer Zeit, in der sich die meisten Konzerne darüber noch lustig machen. Für Sattelberger und seinen Vorstandschef folgt eine bittere Zeit: Aus den eigenen Reihen werden sie überzogen mit Spott und Häme, erinnert er sich. "Sie können sich das Maß an Gehässigkeit, Spott und persönlicher Herabsetzung kaum vorstellen", berichtet der frühere Telekom-Manager.

Vier Konzerne, vier einschneidende Erfahrungen. Nach Jahrzehnten in den Chefetagen sieht Sattelberger die deutschen Manager inzwischen kritisch. Viele, die heute die Entscheidungen fällen, seien mit neoliberalem Gedankengut sozialisiert worden. Geprägt durch die Ära Reagan und Thatcher, beseelt von der kaltherzigen Wirtschaftslehre Milton Friedmans. Einseitig ausgerichtet: auf Profitmaximierung, Steigerung des Unternehmenswertes und zuallererst interessiert am Wohl der Aktionäre, glaubt Sattelberger. Akademischer Ausdruck dieser Geisteshaltung ist für Sattelberger der bei Managern beliebte, angelsächsisch eingefärbte Studienabschuss MBA. „Seit 15 Jahren verdamme ich den MBA.“

Hadern mit dem MBA
Zu lang hätten vom MBA alten Zuschnitts geprägte Manager andere wichtige Aspekte ausgeblendet: die Zufriedenheit der Kunden, Erfindungsreichtum und Innovationsfreude eines Unternehmens oder die Teilabe der Mitarbeiter. Sattelberger spricht von Umsetzungsmaschinen und einer "betriebswirtschaftlichen Zwangsjacke". Die spezialisierten Managementschulen würden Klone hervorbringen, lebensferne Führungskräfte, die in einer eigenen Welt lebten, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun habe. „Es gibt nichts Schlimmeres als Führungskräfte, die betrieblichen Autismus betreiben. Das führt im nächsten Schritt zur Organisationsblindheit.“

Sein Vortrag verstört und begeistert die Zuhörer in Esslingen. Die einen schwärmen von seiner „grundehrlichen und persönlichen“ Darstellung. Andere finden ihn zu messianisch. In den Bann gezogen hat er sein Publikum so oder so.
(Erschienen: 28.06.2013 11:25)

 
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THOMAS SATTELBERGER
Ehem. Personalvorstand Dt. Telekom, Lufthansa und Continental

"Grenzbetrachtungen in der Führungsarbeit - was tun, wenn Routinen versagen?"

 

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